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EBERSWALDE Im Brandenburgischen Viertel

Ich verabrede mich wieder mit Udo in seinem Büro. Auch Thorsten setzt sich zu uns. Wir unterhalten uns so lange, bis die Wintersonne hinter den Plattenbauten und Kiefernwäldern zu verschwinden droht. Schnell jetzt, denn Udo hat sich bereit erklärt, mir das Brandenburgische Viertel zu zeigen. Thorsten ist in einer anderen Plattenbausiedlung groß geworden, in Finow, später mit Eberswalde zu einer Stadt verschmolzen, mit eben dem Brandenburgischen Viertel als baulicher Verbindung. Als er Kind war, wuchsen hier Blaubeeren und Birken, ein russisches Bild, sagt er, von Finow bis zum Tierpark.

Als das Viertel in den 70er Jahren gebaut wurde, hat man den Wald stehen lassen, wo man ihn stehen lassen konnte. In den letzten Jahren wurden manche Riegel abgerissen, heute werden andere aufwändig saniert. Irgendwie unsinnig, wie Abrissflächen, Kiefern und Bauten sich zueinander fügen, irgendwie schön und frei. Die Häuser in Sanierung sind schon jetzt vollständig vermietet, was sich noch vor vier Jahren niemand habe vorstellen können, geschweige denn vorher, als der Leerstand bei 50 % lag. Wo arbeiten die Leute, frage ich. Die Hälfte ist arbeitslos und von der anderen Hälfte ist die Hälfte in Rente, sagt Udo.

Von meiner Wohnung in Berlin Prenzlauer Berg sind es bis Eberswalde gut 50 km. Vom Bahnhof Gesundbrunnen fahre ich eine halbe Stunde. Eberswalde gehört zu den Orten entlang der Regionalbahnstrecken, von denen und in die es sich gut pendeln lässt, zum Studium, zur Arbeit, was auch immer.

Seit kurzem leitet Udo eine Galerie in einer umgebauten Wohnung, zur Freude und mit Unterstützung der Genossenschaft, der ein Teil der Plattenbauten gehören. In dieser Peripherie lassen sich offene Besuchsformate erfinden, die nicht mit Beschränkung, sondern mit Einfallskraft arbeiten. Man kann allen etwas anbieten, auch denen, die vermeintlich kein Interesse an irgendeiner kulturellen Form haben. Thorsten und Udo diskutieren das Bild der Schranke: Man kann abbiegen, wenn man eine Schranke von weitem sieht, in vorauseilendem Gehorsam für ihre Autorität. Man kann drunter, drüber, seitlich vorbei oder mal drücken, ob sie vielleicht doch aufgeht.

Lässigkeit kommt nicht von allein, meint Udo, sie ist noch nie von allein gekommen. Man hat sie sich immer genommen. Udo setzt darauf, dass neue Initiative, ein wiedergefundenes offenes Miteinander im Privaten und Halbprivaten beginnen muss. Und über all den Gesprächen sinkt die Sonne tiefer.